1. Oktober 2010Rubrik Praktikum
Als Praktikantin in Peru

Nadine Altwegg aus Muttenz war in Lima, der Hauptstadt Perus. Dort arbeitete sie als Praktikantin in der Schule des Kinderwerkes Lima. Bei Hausbesuchen im Armenviertel, bei der Mithilfe im Kindergarten, der Schule oder im Patenbüro erlebte sie viel Spannendes aber auch Herausforderndes. Hier ein kleiner Einblick in ihr Erleben:

Die Kinder habe ich sofort ins Herz geschlossen! Ich habe schon in vier verschiedene Kindergartengruppen, zwei Primarklassen und in die Klasse der Industrieschneiderei im Bereich der Berufsausbildung reinschauen können. Die Arbeit mit den Kindern im Kindergarten und der Primarschule gefällt mir super. Ich habe das Klassenzimmer jeweils kaum betreten, war ich schon umringt von Kindern, die mich anstrahlten, mich umarmten und auf mich einredeten. Dann half ich einige Zeit im Patenbüro. Dort übersetzte ich Briefe der Schüler an ihre Paten von Spanisch auf Deutsch. Auch die Arbeit gefiel mir gut. Die Hausbesuche bei den Kindern und ihren Familien waren sehr eindrücklich.

Hausbesuche im Armenviertel

Im Februar, kurz vor Beginn des Schuljahres besuchte jeder Lehrer alle seine Schüler zu Hause um einen Einblick in ihr Umfeld und ihre familiäre und finanzielle Situation zu bekommen. Dabei durfte ich sie begleiten. Ich war mit drei verschiedenen Kindergartenlehrerinnen unterwegs. So lernte ich sowohl das Armenviertel El Agustino, die Lehrerinnen und die Situation der Kinder kennen, was wirklich super war! Da hier an der Schule die Kinder aufgenommen werden, die es am nötigsten haben, ging ich in der Erwartung, dass wir sie in nicht ganz so schönen Häusern antreffen werden, wie ich es von der Schweiz gewohnt bin. Und so war es auch. Viele Familien leben in nur einem Zimmer, wo sie kochen, essen, schlafen, TV schauen und manchmal auch duschen. Im besten Fall sind die Mauern und das Dach aus Beton, oft sind die Mauern aber nur aufeinandergeschichtete Backsteine, die zusammengekleistert wurden und das Dach aus Karton, Wellblech oder Plastikplanen, was im Sommer dann entsprechend heiss und im Winter sehr kalt ist. Während wir unterwegs waren, kamen mir die Armut und die Tatsache, dass die Leute wirklich in diesen Häusern wohnen, unwirklich vor. Ich konnte und kann mir auch jetzt noch nicht vorstellen, dass in diesen Häusern Leute leben. Es passt einfach nicht in mein Erfahrungsschema.

Bewegende Schicksale

Während wir die Leute besuchten, erfuhr ich von ihren oft bewegenden Schicksalen. Eine Mutter (21) wohnt mit ihren zwei Kindern in einem kleinen Zimmer bei ihrer Mutter. Sie besitzt ein Bett, einen Fernseher, eine Kommode und wenige Kleider. Der Vater der Kinder ist in der Drogenreha. Eine andere Mutter (24) wohnt mit ihrem Sohn in einem Mietzimmer. Vom Vater hat sie sich getrennt, weil er ständig andere Frauen hatte. Sie arbeitet sechs Tage die Woche, zehn Stunden lang. Nun hat sie eine Hautkrankheit, kann sich aber nicht behandeln lassen, da sie kein Geld hat und arbeiten muss. Wenn sie nicht arbeitet, verdient sie nichts. Aber sie braucht das Geld dringend. Sie besitzt ein Bett, einen alten Schrank, einen Fernseher und wenig Kochutensilien. Sie haben keinen Tisch, da sie sich keinen leisten kann. Ein Vater bewohnt mit seinen zwei Kindern ebenfalls ein Zimmer. Er und seine Frau wollten sich mit ihrem Ersparten ein einfaches Häuschen kaufen. In dieser Zeit erkrankte seine Frau aber an Krebs, weshalb sie alles Geld für die Therapie ausgaben. Trotz Therapie starb seine Frau tragischerweise. Nun arbeitet er in der Nacht, damit er am Tag für die Kinder da sein kann. Es gäbe noch viele ähnliche Beispiele. Von Kindern, die zuerst von der Mutter und dann vom Vater verlassen wurden und nun bei den Grosseltern wohnen und so weiter… Viele Mütter sind alleinerziehend, die Väter haben sich der Verantwortung entzogen und sind verschwunden. Oft arbeiten die meist jungen Eltern sechs Tage à bis zu 12 Stunden und verdienen trotzdem nur um die 700 Soles im Monat, was etwa 200 Franken entspricht. Diese Schicksale mit meinen eigenen Augen zu sehen, war und ist immer noch erschreckend. Es hinterlässt Traurigkeit, Hilflosigkeit und eine Dankbarkeit, dass meine Kindheit so behütet war, aber auch die Frage nach Gerechtigkeit. Beeindruckt haben mich die strahlenden Augen der Kinder, wenn sie ihre Lehrerin erblickten, die sich Zeit nahm, sie oder ihn zu besuchen.