16. April 2021Rubrik Peru
Die Luft zum Atmen - Spendenprojekt

Nancy lebt mit ihren Kindern Emily (3) und Joe (9) in Lima. Als alleinerziehnde Mutter hat sie es schon schwer genug, aber dann erkrankte sie auch noch lebensbedrohlich an Corona.

Nancy hat sich vor zwei Jahren von ihrem Mann getrennt: «Ich fand heraus, dass eine andere Frau ein Kind von ihm erwartet. Ich will nicht mehr mit ihm zusammen sein», sagt sie. 

Die Trennung war ein schwerer Schlag für die Kinder. Joe besucht die Gutenberg-Schule des Kinderwerks im Stadtteil Comas. «Er ist eigentlich gut in der Schule - vor allem in Mathe», sagt die Mutter. «Aber als sein Vater auszog, wurden seine Noten immer schlechter. Und dann kam auch noch die Pandemie hinzu ...» 

Joe hat seit über einem Jahr kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. «Wir haben hier kein WLAN, das kann ich mir gegenwärtig nicht leisten. Zum Glück lieh uns die Schule ein Tablett mit SIM-Karte aus. So kann mein Sohn über Videokonferenzen am Unterricht teilnehmen. Wenn die Daten aufgebraucht sind, sendet uns die Schule Arbeitsblätter per Whats-App zu. Wir sind sehr froh über diese Lösung», sagt Mutter Nancy.

Doch die Schulprobleme wurden nebensächlich, als sich alle drei mit Corona infizierten. Im März dieses Jahres besuchte der Vater die Familie. Er war – ohne es zu wissen – Corona-positiv und steckte Nancy und die Kinder an.

Joe und die dreijährige Emily zeigten leichte Symptome: Halsweh, Husten, etwas Fieber. Die Mutter steckte sie ins Bett und pflegte sie. Schon nach ein paar Tagen ging es ihnen wieder besser. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Mutter selbst bekam starken Husten und hohes Fieber. Binnen 24 Stunden wurde ihr Zustand lebensbedrohlich. Nach Luft ringend und hustend wand sie sich im Bett. 

Es gelang ihr, ihren Mann per Handy zu erreichen. Er kam sofort. Sie riefen einen Arzt, der ins Haus kam. Der riet ihnen, ein Krankenhaus aufzusuchen. Aber wie sollte Nancy da hinkommen? Ein Krankenwagen würde nicht kommen. Und mit ihren starken Hustenanfällen würde sie kein Taxifahrer mitnehmen. Vor der Klinik angekommen müsste sie sich in eine lange Warteschlange einreihen – völlig unmöglich. Der Arzt stellte Rezepte aus für Schmerzmittel. Nancy brauchte unbedingt Sauerstoff !

«Aber die Schlangen vor den Gashändlern sind noch länger als vor den Kliniken», sagt Nancy. 50 Liter medizinischer Sauerstoff können in Lima derzeit bis zu 600 US- Dollar kosten. Das ist mehr als ein Monatslohn.

Doch der Vater setzte alle Hebel in Bewegung. Er rief weitere Ärzte an. Lieh sich Geld bei Verwandten und Freunden. Er klapperte sämtliche Händler ab von denen er wusste. «Das rechne ich ihm hoch an», sagt Nancy. Und tatsächlich erklärte sich eine Privatklinik bereit, eine Sauerstoffflasche zu vermieten.

«Mit dem Sauerstoff ging es mir gleich besser. Meine grösste Sorge war, dass ich sterbe und Joe und Emily allein zurückbleiben.» Nancy kämpft mit den Tränen.

Während der folgenden Tage war es der neunjährige Joe, der den Haushalt übernahm und sich um seine kleine Schwester kümmerte. Nancy nickt vielsagend: «Er hat mich praktisch gepflegt. Sie müssen wissen, dass einem die Nachbarn hier nicht helfen, wenn man Covid hat. Jeder hat Angst, sich anzustecken.» 

Der Pastor der Gutenberg-Schule schaute regelmässig vorbei. Und die Eltern von Joes Klasse brachten Lebensmittel vorbei. «Das hat gutgetan. Tagsüber kam auch eine Schwester von mir und schaute etwas nach dem Rechten.»

Bei unserem Besuch Anfang April sitzt die Mutter aufrecht im Bett und erzählt. Joe sitzt mit wachen Augen daneben. Ob es ihm schwergefallen sei, sich um die kranke Mutter zu kümmern, wollen wir wissen. Er schüttelt den Kopf: «Nein gar nicht. Ich wusste, dass ich das kann.» Die Mutter lächelt und streicht ihm stolz über das Haar. 

Nancy ist inzwischen über dem Berg. Aber sie braucht noch viel Ruhe. «Bei der kleinsten Anstrengung komme ich ausser Atem. Aber ich bekomme jetzt wieder besser Luft.» Zur Sicherheit hat sie die Sauerstoffflasche eine weitere Woche gemietet.


Joe ist weiterhin der Mann im Haus und kümmert sich um alles: «Ich wünsche mir, dass meine Mama wieder ganz gesund wird. Und ich wünsche mir, dass mein Vater wieder zu uns zurückkommt.» 



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