16. April 2018Rubrik Peru
Von der Schule verwiesen

„Ich wurde von der Schule verwiesen…“ Nicht alle Schüler an der Gutenberg-Schule in Lima halten durch bis zum Schulabschluss. Einige verlassen die Schule vorzeitig. Die Gründe dafür sind vielfältig. Miguel brach Mitte der 1990er Jahre die Schule ab. Miguel erzählt aus seiner Schul-Vergangenheit.

 

 

Miguel, du hast die Johannes Gutenberg-Schule besucht. Erzähle uns etwas aus deiner Vergangenheit.

Ich hatte eine schwere Kindheit. Mein Vater starb, als ich zwölf Jahre alt war und kurz darauf haute unsere Mutter ab. So mussten ich und meine Geschwister bei Verwandten leben. Diese gaben uns zu essen und ein Dach über den Kopf, aber das war auch alles. Mein Bruder und ich mussten in unserer freien Zeit für unseren Unterhalt arbeiten und das alles machte mich bitter und hart.

In der Schule wurde ich unruhig und rebellisch, am meisten gegenüber meines Lehrers, Herr Mejia, der mich immer strafte und sagte: „Du hast so viel Intelligenz! Wenn du sie nicht zum Guten verwendest, ist sie nichts wert.“ Aber es half alles nichts. Schließlich verwies man mich von der Schule.

Und dann?

Ja dann war ich plötzlich froh, dass ich auf der Gutenberg-Schule gewesen war. Denn dank der angefangenen Ausbildung zum Mechaniker konnte ich mich weiter ausbilden lassen und habe nun mein eigenes kleines Unternehmen.

Hattest du Paten?

Ja, ich hatte eine Patin. Und das bedeutete mir extrem viel. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich ihr einmal einen Brief schreiben sollte. Zuerst weigerte ich mich. Doch Jakob Frauenfelder, der damaligen Schulleiter, sprach mir gut zu und ermutigte mich: „Die Paten sind ein Segen für euch Schüler.“ Widerstrebend schrieb ich also den Brief und kritzelte am Ende: „Bitte vergessen Sie mich nicht!“

Die Antwort werde ich nie vergessen. Die Patin schrieb zurück: „Du wirst immer einen ganz besonderen Platz in unserer Familie einnehmen. Auch wenn wir dich nur über dein Foto kennen, bist du immer wichtig für uns…“ Ein Außenstehender kann sich gar nicht vorstellen, wie wichtig dieser Brief für mich war. Ich habe ihn immer aufbewahrt.

Und Herr Mejia, der Lehrer, den du nicht leiden konntest?

Ich traf ihn vor einiger Zeit in einem Restaurant, wo er seinen Geburtstag feierte. Als ich ihn erkannte, ging ich zu ihm und sagte unter Tränen: „Danke. Vielen Dank für all Ihre Strafen. Ich habe nun selbst eine Familie und einen Beruf. Jetzt sehe ich die Vergangenheit mit anderen Augen.“ Herr Mejia freute sich riesig. „Das ist das größte Geburtstagsgeschenk, das ich heute bekommen habe.“

Was hatte diese Veränderung in Dir bewirkt?

Eine Zeit lang kamen wir in der Firma kaum über die Runden. In mir war eine große Leere und alles war dabei, in die Brüche zu gehen. Eines Abends sagte mein Sohn Christopher beim Zubettgehen, er wolle noch beten. Vertrauensvoll dankte das Kind Gott für den Tag, brachte ihm seine Anliegen und betete dann für mich. „Herr Jesus, bitte behüte meine Papa und sorge für ihn.“ Mit einem Mal erinnerte ich mich an alles, was ich in der Gutenberg-Schule über Gott gelernt hatte und wie ich auch einmal eine so vertraute Beziehung zu Jesus hatte. Wie weit hatte ich mich davon entfernt!

Ich suchte den Pastor der Kirchengemeinde auf, die sich in der Schule trifft. Er lud mich in die Männerrunde ein. Dort machte ich dann einen Neuanfang mit Jesus. Es wurden dadurch nicht plötzlich alle meine Probleme gelöst. Das enttäuschte mich zunächst. Doch ich lernte mit der Zeit, geduldig zu sein, Gott zu vertrauen und gleichzeitig mein eigenes Leben zu ordnen.

Was zum Beispiel?

Vergebung ist ein großes Thema. Meine Frau hatte ich schlecht behandelt. Deshalb bat ich sie um Vergebung und begann, an unserer Beziehung zu arbeiten. Auch meine Mutter habe ich in mein Haus aufgenommen. Nachdem ich sie ein Leben lang gehasst hatte, weil sie uns verließ, habe ich ihr nun ganz bewusst vergeben.  Für Gott ist wirklich nichts unmöglich! Er kann jeden verändern, der an ihn glaubt.

Wie denkst du heute über die Johannes Gutenberg-Schule?

Sie hat mir nicht nur einen Beruf ermöglicht. Sie hat mich tief geformt und geprägt – obwohl die Frucht erst viel später sichtbar wurde.

Vielen Dank für das Gespräch.